Recherche

 

Ausgangspunkt

Meine Recherche zur Geschichte meines Vaters, Werner Erwin Max Pech, geboren am 02.11.1930 in Glogau/Schlesien, begann 1991. Bereits kurz nach seinem Tod 1970 hatte meine Familie über den Suchdienst des Roten Kreuzes und jenen der Evangelischen Kirche versucht herauszufinden, ob sich noch etwas über seine Familie in Erfahrung bringen ließe. Das Einzige, was wir wussten, war, dass seine gesamte Familie, Mutter wie drei Brüder, auf der Flucht aus Niedeschlesien ums Lebens gekommen waren. Doch alle Auskünfte der zuständigen Stellen waren negativ. Glogau war in den letzten Kriegstagen fast gänzlich zerstört worden; Unterlagen nicht erhalten. Die Familie meines Vaters war unbekannt. Eben diese Auskünfte erhielt auch ich 1991.

Mühsam gestalteten sich in den nächsten Jahren die Informationssuchen. Und ich betrieb sie auch nur halbherzig. Was sollte es bringen, wenn es so gar keine Spuren gab?

Im Jahr 2001 besuchte ich das erste Mal Glogau. Vielleicht gerade noch rechtzeitig - für meine Zwecke. Denn im Jahr 2001 war Glogau immer noch eine vom Krieg gezeichnete Stadt. In einer Form, die ich mir vorher nicht hatte vorstellen können. Das Stadtzentrum Glogaus lag noch weitestgehend so zerstört da, wie 1945 (Eindrucksvolle Beispiele hierfür finden sich auf der offiziellen Seite der Stadt Glogow: http://www.glogow.pl/turystyka/index.php/glogow-w-fotografii). Die neue Stadt war einfach drumherum gebaut worden. 2001 war der allererste Straßenzug wiederhergestellt in der Innenstadt. Er war menschenleer. Das änderte sich in den kommenden Jahren Schritt für Schritt. Schon 2005 waren mehrere Straßenzüge komplett und die Innenstadt viel belebter. 2010 brauchte es schon einiges an Wissen, um gezielt noch die Stellen in der pulsierenden Innenstadt zu finden, deren Wiederaufbau noch ausstand.

Rand der wiederaufgebauten Innenstadt von Glogau 2005

 

Der erste Besuch in Glogau im Jahr 2001 veränderte meine Recherche grundlegend. Es dauerte zwar noch fast fünf Jahre bis ich diese abschließen konnte. Doch ohne diesen Besuch, wäre dies nie gelungen.

Ein Straßencafé oder ähnliches, die heute auch in Glogau an jeder Ecke zu finden sind, gab es 2001 noch nicht. So war es eine mühsame Suche, die wenigstens irgendwann in der Nähe des Bahnhofs zu einem Bäckerladen führte, der zwei oder drei Plastiktische mit Monoblock-Stühlen vor der Tür hatte. Während der kurzen Pause zog eine Gruppe älterer Menschen vorbei. Diese redeten Deutsch. Und ich sprach sie an. Sie konnten mir nicht helfen, aber sie ermöglichten mir am Abend Clemens F. aus Cottbus, der in Glogau geboren war, kennen zu lernen. Er war es, der Kontakte zu Menschen herstellte, die ich noch nicht kannte und von denen er sich sicher war, dass sie mir etwas über meinen Vater und seine Familie erzählen könnten. Diese Vorstellung war dann zu einfach. Aber am Ende doch erfolgreich.

Irgendwann in der Zwischenzeit fand ich einige Dokumente, die mir bislang nicht vertraut waren. Aus diesen ging hervor, dass mein Vater zwar in Glogau geboren war, aber in einem Vorort - der mittlerweile längst eingemeindet wurde -, nämlich in Noßwitz/Urstetten lebte. Im polnischen heißt der Stadtteil heute Nosocice. Vermutlich war es der Name, der dazu führte, dass das Dorf von den Nazis kurzfristig in Urstetten umbenannt wurde.

Dieser Fund ließ mich zwischenzeitlich hoffen. Denn in Noßwitz haben in der ganzen Geschichte des Dorfes nie mehr als 1000 Menschen gewohnt. Und es war besonders ernüchternd, dass die Recherche dann trotzdem nicht erfolgreicher wurde.

Für die Recherche verwendete ich die ältesten Dokumente und Fotos, die ich von meinem Vater besaß. Ein Foto, das Ende der 1940er Jahre aufgenommen war, seine Arbeitskennkarte aus dem Jahr 1950 und seinen Personalausweis aus den frühen 1960ern. Diese versandte ich mit den wenigen Angaben, die ich besaß. Nämlich, dass die Familie Pech vier Söhne hatte, Werner, Waldemar, Norbert und Detlef. Dass auch bereits dies so nicht ganz stimmte, wusste ich damals nicht.

Das älteste Foto von Werner Pech (rechts), aufgenommen vermutlich 1948/49 im Landkreis Wunsiedel/Bayern.
Der Name des Mannes links neben meinem Vater ist nicht bekannt.

 

Chronologie des Durchbruchs in der Recherche 2004 - in Stichworten

Zeichnung von F., Walter aus dem Jahr 2004 über das "Bienenhaus" in der Eitel-Friedrich-Straße 22 in Noßwitz

 

Das Ergebnis der Recherche

Eine Familie Pech hat es weder in Glogau noch in Noßwitz jemals gegeben.
Statt dessen gab es dort eine Familie Sauermann. Und der älteste der Söhne dieser Familie war mein Vater.
Werner Erwin Max Pech, geboren am 02.11.1930 in Glogau hieß eigentlich Erwin Max Sauermann, geboren am 02.11.1930 in Glogau.
Schon diese Erkenntnis ließ mich fassungslos zurück. Aber den Atem nahm mir etwas ganz anderes: Die Mutter und die Brüder waren gar nicht gestorben. sie waren mit ihm geflohen und lebten mit ihm zusammen nach Kriegsende in Bayern.
Irgendwann Ende 1947 verschwindet Erwin Max Sauermann aus Bodenwöhr. Und irgendwann Anfang 1948 taucht Werner Erwin Max Pech in Wunsiedel auf.
Der Bauer, bei dem er arbeitet, meldet ihn ordnungsgemäß an. Damit erhält er sein erstes offizielles Dokument. Der Wechsel auf einen anderen Hof 1949 bringt ihm das nächste offizielle Dokument, denn er ist ja bereits gemeldet. Lange habe ich nicht verstanden, warum der Weg dann 1950 nach Bremen ging. Aber die Lösung ist sehr leicht. Die Arbeitserlaubnis bezog sich auf die amerikanische Besatzungszone. Und oben im Norden, mitten in der britischen Besatzungszone, unterhielten die US-Amerikaner mit Bremen und Bremerhaven eine Enklave, die Überseehäfen hatten, um ihre Truppen zu versorgen. Und dort, weit weg von der Famlie in Bayern, konnte hatte er damit trotzdem eine Arbeitserlaubnis.
Warum dieser Namenswechsel, warum das spurlose Verschwinden, ist bis heute unklar.

Das erste Dokument, das auf den Namen Werner Pech ausgestellt wurde, aus dem Jahr 1948

Fragen

In den vergangenen zehn Jahren habe ich all die offenen Fragen nicht mehr zielstrebig verfolgt. Auch wenn ich wusste, dass es mit jedem Tag unwahrscheinlicher wird noch Antworten zu finden. Es sind nur mehr Details, die noch klärbar wären. Für die noch offenen großen Fragen wird es keine Antworten mehr geben.